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J. A. Tillmann: Raum und Zeitrad. Einige Aspekte zu ungarischen Maß- und Medien-Verhältnissen

május 7, 2017

 

Abstract: Space and Timewheel.

The following contribution examines current trends in Hungarian perceptions and in- terpretations of time and space and looks at how these are medially and culturally con- structed. Treating evidence from an artistic and comparative (historical) perspective, the conclusion is that, in present-day Hungary (though not exclusively there), power over and possession of the media create a distorted and disproportionate view of the concepts of time and space.

Unser Wissen von der Welt ist zum Großteil übermittelt. Was außerhalb unserer erreichbaren Erfahrungskreise liegt, wird uns zugetragen. Dies geschieht neben natürlichen Vermittlern unserer menschlichen Konstitution, wie durch Laute, Sprache und Gesten, immer mehr über technische Medien, deren Anteile im Laufe der Herausdifferenzierung moderner Lebensbereiche stetig an Bedeutung gewinnen.

Diese vermittelte Wahrnehmung ist nicht nur medial, durch technische Medien, sondern auch kulturell stark bedingt. Ein klassisches Beispiel liefert Marshall McLuhan in seiner Gutenberg-Galaxis, in der er Erfahrungen bri- tischer Anthropologen zitiert, die in den 1950er Jahren in Zentralafrika bei Filmvorführungen feststellen mussten, dass die Zuschauer nur einzelne, ih- nen bekannte Details des Films, nicht aber das Ganze wahrnehmen konnten.1

Das Wahrnehmen des Ganzen gestaltet sich auch andernorts nicht problem- los, und dies nicht nur medial. Auch Kulturen in Mitteleuropa haben anscheinend Wahrnehmungsprobleme. Wie in den letzten Jahren offensichtlich wurde, sind es langwierige Prozesse, tiefer liegende Schichten des Geschehens, welche die Eigenschaften und Ereignisse hier prägen. Ich möchte nun nur zwei Folgen dieser Longue durée in Hinblick auf die Medialität hervorheben: beschränktes Raumwahrnehmen und Zeitverschiebung.

 

Warum es so groß ist

Das Zeitrad ist – laut Wikipedia – „[…] die größte Sanduhr der Welt. Sie steht unweit des Heldenplatzes […]. Das Zeitrad ist ein Rad mit einem Durchmesser von 8m, bei einer Breite von 2,5m. […] Das Gesamtgewicht der Uhr beträgt 60 Tonnen.“3 Die Sanduhr läuft jährlich einmal ab. Obwohl es bei diesem Kunstwerk explizit um die Zeit geht, möchte ich dabei doch eher auf räumliche Fragen eingehen.

Der Erfinder des Zeitrades, János Herner, sagte in einem Interview: „Wir ha- ben vorher eine Umfrage, ob der Durchmesser von 8 Metern zu viel oder zu we- nig wäre, unter jeweils hundert Ausländern sowie unter jeweils hundert Ungarn (Architekten, Fachleute aus der Tourismusbranche etc.) durchgeführt. Es gab ein entsetzliches Ergebnis: Von hundert Ausländern fragten 97, warum das Rad so klein ist, von den hundert Ungarn aber fragten 92, warum es so groß ist.“4

Ein Monument, welches das Gewicht der vergehenden Zeit entsprechend dar- zustellen vermag, muss monumental sein. Mit einem Durchmesser von 8 Metern ist ein Rad der Zeit belanglos. Dies lässt sich fühlen: In der bedeutungsschweren Umgebung muss man, um die Sicht des sonst überragenden Hintergrundes zum Verschwinden bringen zu können, ganz nahe an das Monument herantreten.

Um einen dem Vorhaben entsprechenden Effekt zu erreichen, müsste das Monument in einer anderen Größenordnung angesiedelt sein. Im Hinblick auf die Umgebung wäre ein Durchmesser nötig, welcher der Giebelhöhe der Häuser auf der anderen Seite des Platzes entspräche, d. h. also einen Durchmesser von 20-30 Metern hätte.

Diese merkwürdige Kleinsicht der Welt zeigt sich auch im Alltag, und hier besonders in den am meisten verbreiteten Medien, in den Nachrichten, in den Tagesschauen, wo Ereignisse der internationalen Politik nur am Rande erwähnt werden. Was Proportionen betrifft, gibt es nicht einmal in den verschiedenen politischen Orientierungen bedeutende Unterschiede.

Der Schriftsteller Győző Határ, der sein halbes Leben nach 1956 in London verbrachte, sagte vor einigen Jahren in einem Rundfunk-Interview sinngemäß: Die ungarische Elite sieht durch ihre Provinzialität die Welt kaum. Es mag er- staunlich klingen, aber es spricht mehr dafür als dagegen. Aber ich möchte hier nicht auf Einzelheiten der oft surrealen Realität der ungarischen Gegenwart, wo- rin sich diese Weltsicht in ihrer ganzen Tiefe und Breite zeigt, eingehen (darüber berichtet ausführlich in deutscher Sprache der Blog Pusztaranger5).

Es ist nun einmal so: „Das Land dreht sich um seine eigene Achse“6 – dies äußerte der Regierungschef selbst, und zwar nicht nur einmal! Es gibt also das Land, das hat eine Achse und dreht sich dabei auch noch – laut dem großen Lenker des Landes – um seine eigene Achse! Nicht einmal die Erde kann mit solchen Umdrehungen konkurrieren…

Sucht man nach Ursachen, so findet man in der Herausbildung moderner national-kultureller Raumvorstellungen entscheidende Unterschiede gegen- über anderen europäischen Regionen. Dies beginnt bereits um 1500 mit der Auflösung des christlich-lateinischen Universalismus und der Herausbildung der nationalsprachlichen Schriftkulturen. Das Entstehen solcher national-kultureller Räume vollzog sich gleichzeitig mit der europäischen Expansion und mit der darauffolgenden ‚Raumrevolution‘ (so Carl Schmitt), wodurch nicht nur einzel- ne Reisende, sondern fast alle Volksschichten der schifffahrenden Nationen, auf direkte oder vermittelte Weise, mit fernen Kontinenten in Berührung kamen. So bildete sich bei ihnen eine etwas ge-räumigere Weltsicht, im Gegensatz zu denen, die solche Erfahrungen nicht erleben konnten. Und dies währt bis heu- te: Verfügt man über Meeresküsten als Landesgrenze oder sogar noch über Überseedepartements, ist man viel leichter geneigt, die Welt eher global als provinziell zu betrachten.

Hatte sich der Himmel mitsamt dem Christentum mit seiner Universalität in den Hintergrund gezogen, da trat die Erde, vor allem in Form des heimischen Bodens, in den Vordergrund. Und noch mehr dort, wo weit und breit kein Meer in Sicht war!

In der Romantik – so schreiben Deleuze und Guattari in Tausend Plateaus – ertönt dann ein neuer Schlachtruf: „Die Erde, das Territorium und die Erde! Mit der Romantik gibt der Künstler seine Ambitionen auf eine rechtmäßig verbürgte Universalität […] auf: er territorialisiert sich…“7

Genau dies geschah bei den romantischen Dichtern der mitteleuropäischen Nationen, die nicht nur Verfasser von Dichtungen, sondern auch Gestalter na- tionaler Identitätskonstruktionen waren. Für diese Konstrukte wurden legen- däre Erzählungen, fabelhafte Genealogien und manch andere Tatsache ver- wendet. So entstand im religiösen Vakuum dieses Zeitalters des Nihilismus eine neue Glaubenswelt mit Nationalgöttern, Heiligenkulten und Sakralräumen. Die Poeten-Priester verkündeten ihre Phantasmen, schrieben die Texte einer neuen Nationalliturgie. Der Widerhall ihrer Glaubens- und Weltvorstellungen war und ist bei jeder Volksversammlung, Schulfeier und bei allen Staatsandachten zu hören.

In Ungarn hat z. B. der Dichter Mihály Vörösmarty, der zum engsten Kreis un- garischer Identitätskonstrukteure gehörte, Generationen mit seinem „National- gebet“ Szózat / Mahnruf so ganz nebenbei eine nicht wenig bodenständig ge- prägte Welt- und Raumfurcht eingeflößt. Im Refrain dieses Gedichts, das jedem Grundschüler eingeprägt wird, steht nämlich die Mahnung: Die weite Welt gibt anderswo / nicht Raum noch Heimat dir (Übers. Hans Leicht).8

Wobei anzumerken ist, dass der Dichter selbst den Raum der weiten Welt nie erleiden musste, da er nie die Landesgrenzen überschritt und auch vom Anblick des weiten Meeres verschont blieb.

 

Zeitalterverschiebung

„Wir leben in einem Zeitalter, in dem zum ersten Mal Tausende höchstqualifi- zierte Individuen einen Beruf daraus gemacht haben, sich in das kollektive öf- fentliche Denken einzuschalten, um es zu manipulieren, auszubeuten und zu kontrollieren.“9 Dies schrieb Marshall McLuhan bereits Anfang der 1950er Jahre, am Anfang seines ersten Buches Die mechanische Braut.

Das Zeitalter von dem McLuhan spricht, hat in Mitteleuropa etwas später, fast ein halbes Jahrhundert danach, erst eingesetzt. Die Zeitverschiebung der Region, die schon durch die zögernde Transformierung zur Modernität beträchtlich war, hat sich durch die Jahrzehnte der real existierenden Eiszeit, d.h. des Sozialismus, verstärkt. Erst in den 1990er Jahren ist hier, mit der Privatisierung und Zunahme der Medien, jene Situation entstanden, die McLuhan in Nordamerika bereits an der Jahrhunderthälfte diagnostizierte. So geschah es tatsächlich zum ersten Mal, dass Tausende höchstqualifizierte Individuen einen Beruf aus Bedienung und Betreiben der Medien machten – nicht zuletzt, um es (nämlich das kollektive öffentliche Denken) zu manipulieren, auszubeuten und zu kontrollieren.

Die Folgen sind offensichtlich. Darüber hinaus stellt sich die Frage: Wer ver- fügt über die Vierte Gewalt? Konkreter formuliert: Wer besitzt die Medien?

Das italienische Beispiel zeigt, welche Folgen es hat, wenn die Verfügung über die Vierte Gewalt dem sogenannten freien Markt und damit der Kontingenz und der Manipulation überlassen wird. Man kauft gut ein auf dem Markt der Medien und damit auch nach und nach die Wählerstimmen, die Regierungen, den Staat…

Im Land des besten Freundes des „Banditos“ Berlusconi ging es ähnlich zu, aber es gab bedeutende Unterschiede: In Ungarn wurde erst der Staat dazu ge- braucht, die entsprechenden finanziellen Quellen zu verschaffen, damit die Medien eingekauft werden konnten. Die sogenannten Jungen Demokraten10 haben ihre erste Million durch den Verkauf des Parteihauptsitzes erwirtschaftet und ein Teil wurde in die Medienbranche investiert. Während ihrer ersten Regierungszeit wurde nicht nur sofort die zweitgrößte Tageszeitung eingekauft, sondern auch weitere Medien gegründet und tüchtig mit Staatsgeldern ausge- stattet. Dabei zeigte sich schon früh ihre tiefe nationale Hingabe – sie kauften nämlich mit Vorliebe Medien, deren Name das Attribut des Volkes trug, so z.B. Magyar Hirdető oder Magyar Nemzet.

Bei der Entwicklung der ungarischen Medienlandschaft konnte man die Nachhaltigkeit nationaler Traditionen auch auf anderen Ebenen beobachten: Ende der 1990er Jahre machte Mark Palmer, der Ex-Botschafter der Vereinigten Staaten, das beste Angebot für den Kauf eines der beiden größten Fernsehkanäle. Doch der Kauf scheiterte, da eine antisemitische Koalition der damals regierenden linken und oppositionellen rechten Parteien dies verhinderte.

Abschließend möchte ich noch ein charakteristisches Beispiel vorführen: ein Bild und seine Deutung. Es zeigt exemplarisch, wie bei solchen Medien- und Maß-Verhältnissen wahrgenommen wird: Das Foto mit dem Titel Abgedeckte Krieger von Gábor Gerhes, aus dem Jahr 2004. Trotz eindeutiger Anspielung auf Bekleidung und Farbe mancher nahöstlicher Kulturen hat ein Kunststudent vor kurzem dieses Bild als eine Darstellung der ungarischen Szene interpretiert. Ich frage mich: Wieso?

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GERHES, Gábor: Disguised Fighters, 2004,

4×5 photo/Lambda-print, ed 1/1, size: 170 x 124.

ERSCHIENEN : J. A. Tillmann: Raum und Zeitrad. Einige Aspekte zu ungarischen Maß- und Medien-Verhältnissen, in (Djerdj, Timea; Governeur, Fabienne; Jajko, Patrick; Kraski, Tim Hrsg.): Macht. Medien. Mitteleuropa. Dimensionen der Macht und mediales Spektakel, New Academic Press, Wien, 2017.
COPYRIGHT Tillmann J. A.

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LITERATUR:

DELEUZE, Gilles / Guattari, Felix: Tausend Plateaus, Berlin 1992.

HERNER, János: Interview in Népszabadság, 04.08.2004.

MCLUHAN, Marshall:
(a) The Gutenberg Galaxy: The Making of Typographic Man, Toronto 1962. (b) Die mechanische Braut: Volkskultur des industriellen Menschen, Amsterdam 1996.

O.A.: Zeitrad, in: Wikipedia. Die freie Enzyklopädie, Bearbeitungsstand: 17.06.2013, http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Zeitrad&old id=119647975, 24.03.2014.

ORBÁN, Viktor: beszéde a Kossuth téren, 2010. május 29. [Rede Viktor Orbans auf dem Kossuth Platz am 29.05.2010, eigene Übersetzung], http://www. miniszterelnok.hu/beszed/veletek_ertetek_a_hazamert_fogok_harcolni, 22.09.2013.

VÖRÖSMARTY, Mihály: Szózat / Mahnruf (Übers. Hans Leicht), 1836, http://www.babelmatrix.org/works/hu/V%C3%B6r%C3%B6smarty_ Mih%C3%A1ly-1800/Sz%C3%B3zat/de/2136-Mahnruf, 24.03.2014.

ANMERKUNGEN:

  1. 1  McLuhan, Marshall: The Gutenberg Galaxy: The Making of Typographic Man, Toronto 1962, 35.
  2. 2  Anmerkung der Herausgeber: Kunstwerk in Form einer Sanduhr in Budapest.
  3. 3  o.A.: Zeitrad, in: Wikipedia. Die freie Enzyklopädie, Bearbeitungsstand: 17.06.2013, http://de.wikipedia. org/w/index.php?title=Zeitrad&oldid=119647975, 24.03.2014.
  4. 4  Herner, János: Interview in Népszabadság, 04.08.2004 (eigene Übersetzung).
  5. 5  Zu finden unter http://pusztaranger.wordpress.com/.
  6. 6  Orbán Viktor: beszéde a Kossuth téren, 2010. május 29. [Rede Viktor Orbans auf dem Kossuth Platz am 29.05.2010, eigene Übersetzung], http://www.miniszterelnok.hu/beszed/veletek_ertetek_a_hazamert_fo- gok_harcolni, 22.09.2013.
  7. 7  Deleuze, Gilles / Guattari, Felix: Tausend Plateaus, Berlin 1992, 462.
  8. 8  Online aufzufinden z.B. unter: http://www.babelmatrix.org/works/hu/V%C3%B6r%C3%B6smarty_ Mih%C3%A1ly-1800/Sz%C3%B3zat/de/2136-Mahnruf, 24.03.2014.
  9. 9  McLuhan, Marshall: Die mechanische Braut: Volkskultur des industriellen Menschen, Amsterdam 1996, 7.
  10. 10  Anmerkung der Herausgeber: der Name der aktuellen Regierungspartei, FIDESZ, stand ursprünglich für Fiatal Demokraták Szövetsége, dt.: Bund junger Demokraten. Spätestens seit April 1995 ist der Parteiname Fidesz – Magyar Polgári Szövetség, dt.: Fidesz – Ungarischer Bürgerbund.
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