J. A. Tillmann: Thy music

oscill zene

Für Hannes Böhringer

The magic of music is a sign of consciousness that could be understood on far-flung
worlds millions of lightyears from our horizon. Music is an interstellar language from a highly insignificant planet…

Diese Sätze werden verkündet in Form eines populärwissenschaftliches Sprechgesangs in dem Musikstück Solar Driftwood von Yello. Die sonore und maskuline Stimme Dieter Meiers wird im Hintergrund von einer Frauenchor begleitet: die Ironie in der Maske des medialen Pathos ist unverkennbar. Das Stück ist eine Art Ouvertüre zum Album Pocket Universe .

In der achtziger Jahren war für mich die Musik von Yello, wie die von Brian Eno und Steve Reich, der klang-räumliche Horizont überhaupt, auf dem es allein wert war zu lauschen: in gleicher Höhe, jedoch aus verschiedenen Himmelsrichtungen kommend. Später wurde Yellos Musik dünner und mein Interesse ließ nach. Vor kurzem entdeckte ich im Netz ihre 1997 erschienene Pocket Universe, die eine Art ironisch-akustische Reflexion auf Brief History(s) of Time darstellt, und in der neben kosmologischen Perspektiven auch wissenschaftliche Referenzen, wie etwa die Berufung auf Werner Heisenberg, zu finden sind. Obwohl die hierin zur Sprache gebrachten Themen nicht gerade hoch wissenschaftlich oder streng philosophisch behandelt werden, finde ich deren Perspektive sowie ihre Kühnheit beachtenswert.

Wenn strenge Diskursnormen gewisse Fragestellungen ab ovo verhindern, andererseits Esoterismen aller Art ringsum wuchern – die dauernde Last der einseitigen Aufklärung –, wird es zum Privileg der Künste (der ernsten wie der populären), doch einige dieser Fragen anzudeuten. Beginnend mit der immer währenden Seinsfrage in zeitgenössischen Form: The universe as a whole is beyond explanation. Man ist gewohnt, alles zu deuten; Deutungen gibt es für alles Mögliche, und in jeder Menge werden sie geliefert. Der Definition nach, laut Wiki: An explanation is a set of statements constructed to describe a set of facts which clarifies the causescontext, and consequences of those facts. Das Universum kann tatsächlich beschrieben werden als a set of facts, und jede Menge causes können in Betracht gezogen werden. Nur bleibt die Frage: Warum gibt es überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? 

Musik war als Phänomen magic, Geheimnis, oder als bloßes Faktum schon immer prekärer Gegenstand wissenschaftlicher Rede  (Jean Paul). Daher geht die Rede über Musik eher auf un- und nichtwissenschaftlichen Wegen.

Ob Musik in diesem unerklärberen Universum tatsächlich could be understood on far-flung worlds, bezweifle ich. Besonders dann, wenn sie wie ein golden record in der Raumsonde Voyager ins Universum geschickt wird. Nicht nur wegen der Gefahr, dass das winzige Stück Metall niemals und nirgends auf jemanden treffen wird – oder falls doch, dann die Platte eventuell als Halsschmuck verwendet wird ‑ sondern eher aufgrund von Rezeptionsproblemen. Nicht, dass Musik nicht als ein hoch komplexes Muster akustischer Signale erkannt werden würde, steht zu bezweifeln, sondern dass sie nicht unbedingt als Musik wahrgenommen würde. Dann nämlich, wenn die möglichen Empfänger im All ein fundamental anderes Musikverständnis hätten…

Das Problem ist nicht unbekannt. Mir wurde es früh an dem Musikbegriff meiner Großmutter offenbar, der recht eng war: außer Kirchenliedern, Volksliedern und Schrammelmusik existierten für sie keine (genießbaren) Klänge. Aber das hiesige Musikverständnis war auch nicht immer so weltoffen wie heute. Abgesehen von wenigen Ethnomusikologen, hat man erst vor 50 Jahren in Europa angefangen, die Musik der Welt zur Kenntnis zu nehmen. (Die breiteste und bedeutendste Wirkung hatte wahrscheinlich die  LP-Reihe Collection of Traditional Music of the World der Unesco, die damals schon durch den Eisernen Vorhang herüber kam.)

Die globale Sicht auf die Musik der Welt, die keine world music war, machte klar, dass the matter of music is to be central to that of the meaning of man, of man’s access to or abstention from metaphysical experience (Georg Steiner).

Musik ist aber nicht nur interstellar als language from a highly insignificant planet, sondern sozusagen im „universalen” Sinn universell durchdringend: musica mundana. Und dies nicht nur im traditionellen Sinn, sondern auch nach dem heutigen Stand der kosmologischen Forschung.

Im Plasma-Stadium des Alls gab es Schwingungen, deren Töne berechenbar sind; sie entsprechen etwa dem Klang einer Röhrenglocke. Das Universum verhält sich beinahe wie ein Instrument. Nur eben in kosmischen Maßen. (Alex S. Szalay)

Und wenn der Kosmos musikalisch gestimmt ist und in ihm das Klangmuster des Röhrenglockentons seit Äonen gespeichert ist mit all seinen ständig fortschreitenden Variationen, die durch die andauernde Ausdehnung des Alls entstehen, ist die Annahme nicht von der Hand zu weisen, dass noch andere Qualitäten oder Entitäten von ähnlichen Komplexitätsgraden auf musikalisch-ontische Weise gespeichert sind. So ist nicht auszuschließen, dass das persönlichste einer Person im (Klang)Buch des Lebens, im Sefer chajim aufbewahrt wird. Der Dichter John Donne war der Meinung: I shall be made thy music; as I come/ I tune the instrument here at the door …(Hymn to God, in my Sickness)

Hannes-padon másolat

Foto von Eva-Maria Schön

Erschienen in: GEHEN (Hg. V. Vahrson, S. Märtens, B. Söntgen Hrsg.)  Salon Verlag, Köln, 2012.

COPYRIGHT J: A: TILLMANN

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